26. Jahrestag des Sivas-Pogroms

Am 2. Juli 1993 fand in der zentralanatolischen Stadt Sivas eine Kulturveranstaltung der Aleviten statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der große Mystiker und Heilige Dichter der Aleviten Pir Sultan Abdal (16. Jahrhundert). Zu diesem Zweck kamen zahlreiche alevitische und nicht-alevitische Dichter, Künstler, Schriftsteller und Gelehrte in die Stadt. Doch der Tag endete für sie in Trauer und Entsetzen.

ALEVI Wien, 01.07.2019

Bei dem alevitischen Kulturfestival nahm der international bekannte türkische Schriftsteller Aziz Nesin – ein bekennender Atheist – als Ehrengast teil. Die Übersetzung und teilweise Veröffentlichung des Romans „Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie wurden immer wieder als Grund dafür aufgeführt, dass sich vor allem konservative sunnitische Muslime provoziert fühlten.

Friedlich und ahnungslos nahmen die Menschen an den Festlichkeiten teil. Und das Unheil nahm seinen Lauf. Am 2. Juli versammelte sich eine aufgebrachte Menschenmasse (die Anzahl der Personen wird auf 20.000 geschätzt) nach dem Freitagsgebet vor dem Madımak-Hotel, in dem Aziz Nesin und alevitischen Musiker, Schriftsteller, Dichter, Kulturbegeisterte und -schaffende, vorwiegend alevitischen Glaubens, logierten. Bewaffnet mit Brandsätzen griffen sie das Hotel an. In dem aus Holz gebauten Gebäude breiteten sich die Flammen schnell aus. Dabei starben 35 Menschen; der Autor Aziz Nesin überlebte leicht verletzt.

Viele konnten das brennende Hotel nicht verlassen, weil der wütende Mob rings um das Hotel ihnen den Weg versperrte. Obwohl Polizei, Militär und Feuerwehr frühzeitig alarmiert worden waren, griffen sie erst nach rund acht Stunden ein. Zeugenaussagen sowie Videoaufnahmen – das türkische Staatsfernsehen berichtete stundenlang live vom Anschlag – belegen, wie Polizisten der Menge halfen und eine anrückende Militäreinheit sich wieder zurückzog.

Bis Ende 2010 führten sunnitische Muslime im Gebäude des ehemaligen Madımak-Hotels ein Restaurant mit Fleischgerichten. Alevitische Verbände fordern bis heute vergeblich, dass in dem Gebäude eine Gedenkstätte und ein „Friedens-Museum“ eingerichtet warden.

Die Strafverfahren gegen die Täter und Drahtzieher hinter dem Massaker zogen sich erst über Jahrzehnte hin, dann wurde im März 2012 – am 27. Verhandlungstag des seit 19 Jahren andauernden Verfahrens – das Verfahren gegen fünf Flüchtlinge (und zwei Tote) wegen Verjährung eingestellt.

Wir als Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (ALEVI) gedenken dieser grauenvollen Tat und der vielen Opfer. Unsere Gedanken sind auch bei den Hinterbliebenen, die bis heute vergebens auf Gerechtigkeit und Anerkennung ihres Leids hoffen.

Als ALEVI wenden wir uns gegen das Vergessen und gegen die Relativierung und Verharmlosung von (staatlichen) Gewaltverbrechen und fordern daher die offizielle Anerkennung der Leiden der Opfer so vieler Pogrome und Ausschreitungen gegen Aleviten in der Türkei und die konsequente Verfolgung und Verurteilung der Täter.

In Gedenken an die vielen Toten vom 2. Juli 1993 sollte das Madımak Hotel in Sivas in ein Museum und eine Gedenkstätte umgewandelt werden.

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Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (ALEVI)
Riza Sari, Pressesprecher
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