GLAUBENSLEHRE (aus unser Statut)

§ 1 Name der Glaubensgemeinschaft

1) Die Glaubensgemeinschaft führt den Namen „Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich“. Die Abkürzung des Namens lautet „ALEVI“.
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§ 2 Darstellung der Religionslehre

1) Begriffsklärungen

Der Begriff „Alevi“ leitet sich vom Namen des Heiligen Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed ab und bedeutet demnach Anhänger Alis. Die Bezeichnung Aleviten wird als Sammelbezeichnung für die verschiedenen kulturell und geographisch bedingten Begriffe (Bektaschi/Bektaşi, Kızılbaş/Qizilbasch/Quizilbas, Tahtacı, Sıraç, Yörük, Çepni, Abdal, Arabische Aleviten, Mevlevi, u.a.m.) verwendet.

Alevitentum bezeichnet die Islamauffassung, die im Rat der Vierzig gereift, durch die zwölf Imame weiterentwickelt wurde und das Kriterium des Verstandes von Imam Cafer-i Sadık zu seiner Richtschnur gemacht hat.

Frauen und Männer nehmen ohne räumliche Trennung gleichberechtigt am Gottesdienst teil.

Der Gottesdienst umfasst Gebet und Auslegung durch Geistliche sowie Tanz der Gläubigen (Semah) unter musikalischer Begleitung durch das Saiteninstrument Saz.

Durch den Heiligen Primus, welcher mit Gunst und Unterstützung der Heiligen von Chorasan nach Anatolien kam, und durch Gedichte und Hymnen der verehrten Volksänger, findet das Alevitentum seinen Ausdruck.

Nach dem alevitischen Glauben kommt der Mensch mit einer unreifen Seele (ham ervah) auf die Welt, er soll sich zu einem reifen, vollkommenen Menschen (insan-ı kâmil) weiterentwickeln, und nur so kann er zu seinem Urwesen wieder zurückkehren. Zu seiner Reifung, Vervollkommnung muss sich der Einzelne vor einem Wegweiser (mürşid), Primus (pîr) und Betreuer (rehber) zu seinem Glauben bekennen (ikrar) und die Vier Pforten (Dört Kapı) und Vierzig Stufen (Kırk Makam) passieren. Ort der Glaubenspraxis der Aleviten ist das Cemhaus (Cemevi).
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2) Zu den schriftlichen Quellen der alevitischen Lehre

Koran:

Die alevitische Lehre besagt, dass Gott dem Heiligen Mohammed den Koran offenbarte. Der Koran, als heilige Schrift, besitzt nach alevitischem Verständnis neben einer äußeren (zahiri) auch eine verborgene, innere (batıni) Bedeutung, welche dem Heiligen Ali (1. Imam) und später den weiteren Imamen (insgesamt 12 Imame) anvertraut worden sind. Nach alevitischem Glauben wird daher der ursprüngliche Koran nur bei dem Heiligen Ali, als dem Freund Gottes und dem engsten Begleiter vom Propheten Mohammed, aufbewahrt. Nach dieser Vorstellung besaßen Mohammed und Ali das gesamte Wissen, das die Menschheit über die Wahrheit (Hak) und über den Weg zur Wahrheit erhielt. Der Koran ist für Aleviten kein Gesetzbuch, sondern ein Glaubensbuch. Alle vier heiligen Bücher, das heißt die Thora, die Psalmen, das Neue Testament und der Koran sind gleichermaßen anerkannt.

Das Gebot (Buyruk):

Das Buch über den Glaubensvollzug der Aleviten.

Nech`ül Belaga:

Die Sprüche des Heiligen Ali.

Die Gedichte der „Großen Dichter (Ulu Ozanlar)“:

Seyyid Imadeddin Nesimi (14. Jhd.)
Yemini (15.Jhd.)
Fuzuli (16.Jhd.)
Virani (16.Jhd.)
Şah Hatayi (16.Jhd.)
Pir Sultan Abdal (16. Jhd.)
Kul Himmet (16. Jhd.)
Yunus Emre (13. Jhd.)

Velayetname:

Die Erzählungen über das Leben und die Handlungen des Hünkar Hacı Bektaş Veli.

Makalat:

Das Gedankengut des Hünkar Hacı Bektaş Veli zum alevitischen Wertesystem.

Die Werke weiterer Persönlichkeiten, darunter u.a.:

Hallac-ı Mansur (10.Jhd.)
Yunus Emre (13. Jhd.)
Ahi Evren (13. Jhd.)
Balım Sultan (16. Jhd.)
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3) Das Gottesverständnis im Alevitentum

Das alevitische Gottesverständnis spricht von der unzertrennlichen Einheit des Schöpfers und der Schöpfung (Varlık Birliği/Vahdet-i Vücüt) und kreist um den Begriff „Hak“, welcher der Schöpfer ist und dessen göttlicher Funke des Lichtes, der das Leben erfüllt, im Herzen jedes Menschen vorhanden ist und leuchtet. „Hak“ ist die Wahrheit der Schöpfung, die Erkenntnis um den Schöpfer und das Recht des Schöpfers. Das heißt: „Gott ist der Schöpfer, woran man sich orientiert, den man Hak nennt und in seiner Schöpfung sucht und findet, womit die Geschöpfe als die Offenbarung Gottes gelten, durch die er sich zu erkennen gibt.“ Daher gibt die Formel „En-el Hak“ (Ich bin die Wahrheit, im Sinne von: Ich bin das Ebenbild Gottes.) des Hallac-ı Mansur die Grundlage der alevitischen Schöpfungsvorstellung wieder.

4) Das alevitische Menschenbild

Der Mensch ist ein Geschöpf wie Pflanze, Tier und Natur, jedoch zusätzlich mit Vernunft ausgestattet, welche ihn in die Lage versetzt, den Schöpfer zu erkennen und ihn in seinen Geschöpfen wieder zu erkennen. Allen Menschen wohnt die „heilige Kraft (Nur-i Kadim/Zat-ı Mutlak)“ des Schöpfers inne, daher wird der Mensch als Widerspiegelung Gottes betrachtet und Mohammed und Ali sind die Vorbilder dieser Widerspiegelung, indem sie Gott im Menschen reflektieren. Somit ist der Mensch das vollkommenste Geschöpf und der Heilige Ali ist der vollkommenste Mensch. Das erste göttliche Licht sind Ali und Mohammed, wonach Gott-Mohammed-Ali eine unzertrennliche Verbundenheit bilden. Ali nimmt als Bewahrer der alevitischen Glaubenslehre und als vollkommener Mensch und wichtiges Mitglied der Prophetenfamilie (Ehl-i Beyt) eine besondere Stellung im alevitischen Islam ein. Er hat die Lehre von Mohammed geerbt und ist Hüter der Offenbarung, weshalb er auch als „Gottes Löwe“ (Allah`ın Aslanı) angesehen wird.

5) Das Selbstverständnis (bzw. Eigenschaften) der Aleviten

Eine Alevitin bzw. ein Alevit:

  • trägt die Heiligkeit von Gott(Allah/Hak)-Mohammed-Ali in seinem Herzen,
  • verstößt niemals gegen Alis Gerechtigkeitssinn,
  • praktiziert die Standhaftigkeit bzw. Unbeugsamkeit des Heiligen Hüseyin (3. Imam) gegen Ungerechtigkeit,
  • beherbergt in seinem Herzen die Menschenliebe,
  • achtet und respektiert jede Religion, Konfession und Glaubensrichtung;
  • macht keine diskriminierenden Unterschiede bezüglich Sprache, Religion, Kultur, Rasse, Hautfarbe, Geschlechterorientierung und zwischen Mann und Frau;
  • beherrscht sein Ego,
  • ist aufrichtig, freundlich, barmherzig, gerecht und liebevoll;
  • legt großen Wert auf Wissen,
  • strebt die eigene geistige Entwicklung an,
  • wendet sich angstfrei und mit Liebe zu Gott hin und
  • betrachtet den Schöpfer (Gott) sowie die Schöpfung (Menschen, Tiere, Natur) als eine Einheit.
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6) Die Grundlagen desalevitischen Glaubens

1. Das Glaubensbekenntnis (Kelime-i Şahadet):

„Es gibt keinen anderen Gott (Schöpfer) außer Allah (Hak), Mohammed ist sein Prophet und Ali sein Freund (Gefährte).“ „ Lailahe illallah, Muhammeden Resulullah, Aliyyül Veliyullah, Vasiyi Resulullah“ Die Kurzformel hiezu lautet: „Ya Allah, Ya Mohammed, Ya Ali.“ In diesem Sinne glauben die Aleviten, an Allah den Schöpfer, Mohammed seinen Propheten und Ali seinen Freund sowie daran, dass Mohammed und Ali zum Lichte Gottes angehören, das die Welt seit ihrer Schöpfung erhellt.

2. Der Glaube an die heilige Kraft (Nur-i Kadim/Zat-ı Mutlak):

Die Aleviten glauben an eine „heilige Kraft“ des Schöpfers, die vor allem durch Mohammed und Ali, sowie dessen Nachkommen (Seyyidler) bis heute an die Menschen weitergegeben wird. Die „heilige Kraft“ beinhaltet als Gabe Gottes den Verstand, der es ermöglicht, dass die Menschen Gott und seinen Willen erkennen können. Der Verstand hat zur Konsequenz, dass jeder Mensch für die Führung seines Lebens verantwortlich ist. Der Mensch kann somit sein Scheitern nicht auf Gottes Willen zurückführen. Daher glauben auch Aleviten daran, dass das Leid durch menschliches Versagen bzw. das kollektive Fehlverhalten der Menschen entsteht. Der Glaube an die „heilige Kraft“ fordert deshalb ein aktives Bemühen um persönliche Vervollkommnung und den Dienst in der Gemeinschaft.

3. Der Glaube an den Weg zur Vervollkommnung des Menschen (İnsan-ı Kamil Olmak):

Die Aleviten schöpfen immer wieder Zuversicht aus dem Glauben daran, dass sie die heilige Kraft in sich haben und dass Gott ihnen die Kraft und den inneren Frieden schenkt, sich auf diesen Weg der Wahrheit zu begeben. Dieser Glaube ist die Quelle der Hoffnung auf Vervollkommnung. Daher glauben Aleviten daran, dass am Ende dieses Prozesses der einzelne Mensch, wenn er seine heilige Kraft wieder entdeckt hat, sich mit Gott wiedervereinigen (Hakla Hak Olmak) kann. Um dieses Ziel, also die Annäherung an Gott, zu erreichen, glauben die Aleviten, dass sie nicht nur ein Leben auf dieser Erde haben, sondern dass Gott ihnen viele Leben gibt. Der Vervollkommnungsprozess ist für die Aleviten eine Folge der Fürsorge Gottes für die Menschen: Gott gibt dem freien Menschen die Möglichkeit, sich ihm durch viele Leben hindurch immer mehr anzunähern. Demnach spricht man im Alevitentum von der Freiheit des Menschen vor Gott und von einem Verhältnis des Menschen zu Gott, das nicht von der bedingungslosen Unterordnung bestimmt wird.

4. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele (Canın Ölümsüzlüğü):

Die Aleviten glauben an die Wanderung der Menschenseele. Die von „Ego, Angst und Besitzgeist gereinigte“ Seele kommt von Gott und kehrt heim zu ihm, um nach angemessener Zeit in einen neuen Körper überzugehen. Der Tod betrifft somit nur den Körper, denn alle Seelen ruhen bei Gott, bis sie erneut Gestalt annehmen und auf die Welt zurückkehren. Daher wird der Tod im Alevitentum als „zu Gott gehen (Hakka yürümek)“ bezeichnet. Die Wanderung der Seele in einen neuen Körper wird als „das Gewand wechseln (Don değiştirmek)“ benannt. Das heißt: „Die Menschenseele erhält durch die Zeugung eines neuen Kindes erneut den Zutritt auf die Welt.“ Aus dieser Perspektive heraus, betrachtet man das Sterben als einen Übergang in eine neue Lebensphase. Dieser Kreislauf (Devriye) dauert solange, bis die Seele die Vervollkommnung erreicht.
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7) Das alevitische Wertesystem und diealevitische Ethik

Die vier Pforten und vierzig Stufen bzw. Ebenen (Dört Kapı Kırk Makam), als Kern des alevitischen Wertesystems bzw. deralevitischen Ethik, ermöglichen jedem Menschen zu reifen und somit den „alevitischen Weg (Yol)“ zur Vervollkommnung zu finden, um seiner Bestimmung auf Erden gerecht zu werden und die Annäherung an Gott zu erreichen. Jede Pforte hat zehn Stufen. Ein wesentlicher Teil dieser Stufen im Alevitentum ist der Bestandteil allgemeingültiger Tugenden, die in der Erziehung und Bildung als Richtziele vorgeschrieben sind. Beim Durchschreiten dieser Pforten kann ein Wegweiser (Rehber) den einzelnen Schüler (Talip/Muhip) dabei unterstützen.

1. Pforte „Şeriat“ (die Ordnung):

Diese Pforte ist lediglich eine äußerliche Voraussetzung für Regeln, die sichtbare Handlungen auf dem mystischen Weg beschreiben. Die 10 Stufen der Ordnung sind wie folgt:

  1. glauben und bezeugen (Glaubensbekenntnis aussprechen)
  2. lernen (Wissenschaft lernen)
  3. Gottesdienst verrichten (dazu gehören beten, fasten u. Almosen geben)
  4. ehrliches legales Einkommen haben
  5. Ausbeutung und Ungerechtigkeit vermeiden
  6. die gegenseitige Achtung von Männern und Frauen
  7. die Ehe suchen (außereheliche Verhältnisse vermeiden)
  8. Fürsorge für andere zeigen
  9. reines Essen zu sich nehmen und für gutes Ansehen sorgen
  10. Gutes wollen und tun
2. Pforte „Tarikat“ (der mystische Weg):

Die zweite Pforte wird durch die Initiation (İkrar Töreni) in die alevitische Gemeinschaft eröffnet. Das Ziel ist dabei, den Sinn des Glaubens zu verstehen und zu erkennen. Die 10 Stufen des mystischen Weges sind wie folgt:

  1. sich dem geistlichen Lehrer (Pir/Mürşit) anvertrauen
  2. sich dem Lernen hinzugeben
  3. auf äußeres Ansehen verzichten
  4. eigenes Ego bremsen und dagegen kämpfen
  5. Achtung haben
  6. Ehrfurcht haben
  7. auf Gottes Hilfe hoffen
  8. sich auf den Weg Gottes begeben
  9. Gemeinschaft bezogen sein, Harmonie zeigen
  10. Menschen, Tiere und Natur lieben, schützen und auf weltliche Güter verzichten
3. Pforte „Marifet“ (die Erkenntnis):

Das menschliche Bewusstsein führt zur Erkenntnis der wahren Bedeutung des Menschen. Die Freude über diese Erkenntnis und das Erkennen der Schönheit der Schöpfung, die sich als Einssein von Körper, Emotion, Verstand und Geist offenbart, führt zur Hingabe und Ehrerbietung. In diesem Einssein wird die Selbsterkenntnis zugleich zur Gotteserkenntnis, zur Offenbarung des Weges zu Gott. Die 10 Stufen der Erkenntnis sind wie folgt:

  1. sich gut benehmen und anständig sein
  2. ehrenhaft leben
  3. geduldig sein
  4. genügsam sein
  5. schamhaft sein
  6. freigiebig sein
  7. sich um Wissen bemühen
  8. Ausgewogenheit und Harmonie bewahren
  9. gewissenhaft sein; Fähigkeiten, die nicht (nur) durch die Vernunft zu erreichen sind, sondern durch den Seelenblick (can gözü/gönül gözü) entdecken und erreichen
  10. Selbsterkenntnis üben
4. Pforte „Hakikat“ (die Wahrheit):

Im Zentrum des alevitischen Glaubens steht der Mensch als Wesen, das sich selbst sucht und erkennen will. Die Einbettung von Wissen des Verstands in das emotionale Wissen des Körpers durch die Musik und Bewegung macht aus dem Wissen des Kopfes ein Wissen des ganzen Menschen. In dieser Ganzheitlichkeit, im Einklang von Gefühlen und Körper, liegt der Schlüssel zur Wahrheit (Selbsterkenntnis). Die 10 Stufen der Wahrheit sind wie folgt:

  1. bescheiden sein, alle Menschen achten und ehren, 72 (alle) Nationen, Völker und Glaubensgemeinschaften als gleichberechtigt anerkennen
  2. an die Verbundenheit von Allah, Mohammed und Ali glauben
  3. Sich beherrschen (Hüte deine Hand, Zunge und Lende); nicht lügen, nicht stehlen und nicht gewalttätig werden, keine Untreue in der Ehe begehen
  4. Glaube an die Widerspiegelung Gottes (seyr)
  5. Gott Vertrauen schenken
  6. Austausch und Freude über die Erkenntnis, mit Gott und seiner Gemeinde eins zu sein
  7. Wachsen in dieser Erkenntnis und dabei der Lösung des Geheimnisses Gottes näher kommen
  8. Einklang mit dem Willen Gottes zeigen
  9. sich ins Nachsinnen über Gott versenken
  10. das Herz von der Sehnsucht nach Gott erfüllen zu lassen und das Geheimnis Gottes lösen (münacat und müşahede)

Die „vier Pforten und vierzig Stufen“ sind Werte und äußerliche Regeln, die untereinander in Beziehung stehen, die gleichzeitig einzuhalten und zu fühlen sind. Es ist für die Aleviten eine lebenslange Aufgabe, sich mit diesen Werten auseinander zu setzen und sein Ego zu besiegen.
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8) Die Weggemeinschaft (Müsahiplik/Yol Kardeşliği)

Um Solidarität und Harmonie zu verwirklichen, bilden alevitische Familien in der Gemeinde Familienpaare und bündeln somit dauerhaft ihre Güter und Ressourcen. Die Mitglieder des Familienpaares verpflichten sich in jeder Hinsicht zur gegenseitigen Unterstützung. Die Fehler und Verdienste beider Familien müssen nunmehr gemeinsam verantwortet werden. Eine Heirat unter den Kindern und Kindeskindern (bis zur 7. Generation) dieser Familienpaare ist streng untersagt. Die Weggemeinschaft stellt eine wichtige soziale und religiöse Institution im alevitischen Islam dar, weshalb auf diese im Gottesdienst eingegangen werden muss.

9) Der Gottesdienst (Cem) der Aleviten

Der alevitische Gottesdienst (Cem) wird im Cemhaus (Cemevi) und auch in den Gebetsräumen (Meydan Evi) von alevitischen Klöstern (Dergah) vollzogen. Die Bauform bzw. Architektur der alevitischen Gebetshäuser (Cemevleri) orientiert sich an der Symbolik des Alevitentums (z. B. 12-eckiger Rundbau symbolisiert die 12 Imame) und ist ohne Minarett und ohne Aufruf zum Gebet (durch einen Muezzin). Die Abhaltung des Gottesdienstes erfolgt unter der gemeinsamen Teilnahme von Frauen und Männern, ohne Wahrnahme des Geschlechts, als Seelen (Canlar). Der Ablauf des „Cem“ beinhaltet:

  • die Initiation (ikrar) zum mystischen Weg,
  • das Einvernehmen (Rızalık) erzielen:

o im Einklang mit sich selbst sein,

o im Einklang mit der Gemeinde sein,

o die Bereitschaft sich auf den mystischen Weg zu begeben,

  • die Unterrichtung in der alevitischen Glaubenslehre,
  • das Gedenken an die „zu Gott gegangenen“ Verwandten,
  • die Ablegung von Rechenschaft (Dara durmak) für eigenes Fehlverhalten,
  • die Leistung einer Wiedergutmachung bei Fehlverhalten oder die Sanktionierung (Düşkünlük) von grobem Fehlverhalten (z. B. Ausschluss aus der Gemeinde),
  • die liturgische Anbetung von Allah als Schöpfer, Mohammed als seinen Propheten,und Ali als seinen Freund (Tevhid),
  • die Zelebrierung des rituellen Tanzes „Semah“ der Vierzig Heiligen,
  • die Nachahmung der religiösen Zusammenkunft der Vierzig Heiligen (Kırklar),
  • die Darbietung von religiösen Gesängen (Nefes/Deyiş) mittels der Laute „Saz“,
  • die Darbringung eines gesegneten Gelöbnismahls (Lokma) oder Tieropfers (Kurban) für die Gemeinde zu jeweils gleichen Teilen,
  • die Verrichtung der zwölf Dienste (12 Hizmet) durch die zwölf Diener:

o Leitung des „Cem“: Geistliche/r Lehrer/in (Mürşit/Pir – Dede, Baba/Ana u.a.)

o Begleitung der Schüler (Talip/Muhip): Wegweiser (Rehber)

o Aufsicht über die Ordnung während des „Cem“: Ordner (Gözcü)

o Entzündung des ewigen Lichts: Zünder (Çerağcı/Delilci)

o Gesangsdarbietung: Saz-Interpret (Zakir)

o Reinigung des Gebetshauses, -raums: Feger (Süpürgeci)

o Verteilung des Weihwassers: Wasserspender (Sakkacı)

o Seelische Reinigung der Gläubigen: Reiniger (İbriktar/Tezekar)

o Verteilung des Gelöbnismahls oder Tieropfers: Tafeldiener (Lokmacı/Kurbancı)

o Vorbereitung des „Cem“: Platzanweiser (Meydancı)

o Kundmachung des Gottesdienstes: Kundmacher (Peyik)

o Bewachung des Gebetshauses: Wächter/Türsteher (Bekçi/Kapıcı)

Der „Semah“ im Gottesdienst simuliert den religiösen Tanz der Vierzig Heiligen während der Himmelfahrt (Miraç) Mohammeds und ruft zugleich die Leiden der 12 Imame in Erinnerung. Der Geist wird durch die minutiöse Beachtung kontrollierter Bewegungen in einen Zustand besonderer Klarheit geführt, der sich auf den Verstand und Körper so stark auswirkt, dass am Ende alle drei Bereiche (Geist, Verstand und Körper) zu einem bewusstseinsintegrierenden Einssein geführt werden.

Die Langhalslaute „Saz“, auch als Koran mit Saiten (Telli Kuran) bezeichnet, besteht aus Kastanien- oder Maulbeerholz und dient, als wesentlicher Bestandteil der Liturgie, zur Darbietung von religiösen Gesängen. Sie begleitet den gesamten Gottesdienst, insbesondere die Semah-Darbietung.
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10) Die alevitischen Geistlichen und Trägerfamilien (Dede und Ocak)

Hünkar Hacı Bektaş Veli war das Oberhaupt der alevitischen Geistlichen (Dede, Baba, Ana u.a.) und das Hacı Bektas Veli Pirevi (Dergah) gilt als die Hauptquelle (Serceşme) des alevitischen Islams. Aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung und geographischen Verteilung haben sich diealevitischen Geistlichen in drei Hauptzweige unterteilt:

  • Çelebiler
  • Babagan (Yol evladı/Kinder des Weges)
  • Dedegan (Evladı Resul/Kinder des Propheten Mohammed)

Der Dedegan-Zweig hat sich in sogenannten Trägerfamilien (Ocaklar/Träger der heiligen Kraft) organisiert. Die Geistlichen und Trägerfamilien genießen eine hohe Stellung im alevitischen Islam. Sie stellen die religiöse Autorität in der alevitischen Glaubenslehre dar und leiten den Gottesdienst sowie alle religiösen Zeremonien.
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11) Die alevitischen Feier- und Gedenktage

Fastenzeit „Hızır“:

Der Heilige „Hızır“ mit seinem weißen Schimmel (Bozatlı Hızır) ist der unsterbliche Schutzpatron zu Lande. Die alevitische Glaubenslehre besagt, dass die heiligen Brüder „Hızır und İlyas“ als Propheten gelebt und das „Wasser zur Untersterblichkeit“ (Ab-u Hayat) getrunken haben, um den Suchenden und Wanderern auf dem mystischen Weg zu helfen. Der Heilige „İlyas“ ist der unsterbliche Schutzpatron zur See. Als Dank für sein rettendes Herbeieilen in Notsituationen werden drei Tage gefastet (Hızır Orucu) und im Anschluss an die Fastenzeit ein Dankgottesdienst zu seinen Ehren (Hızır Cemi) zelebriert.

21. März – Geburtstag des Heiligen Ali:

Die Aleviten glauben daran, dass Ali zu Neujahr (Nevruz) bzw. zum Frühlingsbeginn 598/9 n. Chr. in Mekka als heilig geboren wurde. Deshalb wird zu seinen Ehren ein Festgottesdienst (Nevruz Cemi) begangen.

Hıdırellez (Hızır İlyas):

Die alevitische Glaubenslehre besagt, dass die Heiligen Brüder Hızır und İlyas in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai, den in Notgeratenen rettend zu Hilfe kommen. Daher wird in dieser Nacht um Gesundheit und Genesung für die Kranken gebetet und am nächsten Morgen werden als Zeichen der Dankbarkeit verschiedene Teigwaren gebacken und unter den Nachbarn verteilt.

6. und 7. Juni – Gedenkfest für Abdal Musa:

Abdal Musa (14. Jhd.) war ein Schüler des Hünkar Hacı Bektaş Veli (13. Jhd.), der bei der Verbreitung des Alevitentums in der Mittelmeerregion eine führende Rolle einnahm.

16. bis 18. August – Gedenkfest für Hünkar Hacı Bektaş Veli:

Jedes Jahr begeben sich die Aleviten auf die Wallfahrt zum Hacı Bektaş Veli Kloster in die gleichnamig benannte Kreisstadt Hacı Bektaş in der Provinz Nevşehir/Türkei. Er gilt als direkter Nachfahre der Prophetenfamilie und somit als religiöses Oberhaupt aller Aleviten.

Märtyrertod des Heiligen Hüseyin:

Der Enkel des Propheten Mohammed und Sohn des Heiligen Ali, Imam Hüseyin, wurde am 10. Oktober 680 n. Chr. in Kerbela mit 72 Gefolgsleuten gefoltert und ermordet, weil er sich der Tyrannei des Omaijadenführers Yazid I. nicht unterwarf. Die Unbeugsamkeit und beispiellose Widerstandsleistung des Imam Hüseyin machte ihn somit zur religiösen Symbolfigur gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Daher wird an das Martyrium von Kerbela in besonderem gedacht.

Gadir`I Hum – Ausrufung Alis als Nachfolger Mohammeds

Gadir Khum (al gadir Fest). Das war am 18 dul hadje im Jahr 10 nach Hidjara (Auswanderung des Propheten Mohamad von Mekka nach Medina). 18 dul hadje und dul hadje sind der 12te Monat im Mondkalender.

Opferfest:

Das Opferfest (Kurban Bayramı) erinnert an Abraham und seine Bereitschaft, seinen Sohn Ismail zu opfern und die damit verbundene Gnade Gottes, ihm stattdessen einen Widder als Opfergabe vom Himmel herabzulassen. Daher wird dieses Fest zur Dankbarkeit an Gott gefeiert. Dieses viertägige Fest wird im Folgejahr immer um zehn Tage vorgezogen, da es vom Mondkalender bestimmt wird.

Fasten- u. Trauerzeit „Moharrem“:

Das Moharrem-Fasten beginnt immer 20 Tage nach dem 1. Tag des Opferfestes. Die 12-tägige Fastenzeit wird aufgrund des Martyriums von Kerbela und der ermordeten Nachkommen der Prophetenfamilie (Ehl-i Beyt) von tiefer Trauer (Yas-ı Matem) begleitet. Da das Nachempfinden und die Enthaltsamkeit im Zentrum dieser Trauer- u. Fastenzeit stehen, wird nach dem Abendessen bis zum Sonnenuntergang des Folgetages nichts gegessen und kein reines Wasser getrunken. Kleinkinder und Kranke sind von dieser Pflicht befreit. Als Zeichen der Trauer wird am Ende der Fastenzeit ein Gedenkgottesdienst (Muharrem Cemi) zelebriert.

„Aşure“:

Im Anschluss an die Fasten- u. Trauerzeit „Moharrem“ wird eine Süßspeise (Aşure), als Symbol der Dankbarkeit für das Überleben des Imam Zeynel Abidin (Sohn des Heiligen Hüseyin) nach dem Massaker in Kerbela, aus 12 verschiedenen Zutaten, zumeist aus Trockenfrüchten und Weizen, gekocht und unter den Nachbarn, Bekannten sowie Verwandten verteilt und in der Gemeinde gemeinsam gegessen.
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§ 3 Darstellung der sich aus der Religionslehre ergebenden Zwecke und Ziele

1) Die Hauptaufgabe der ALEVI besteht in der lebendigen Erhaltung des Alevitentums (= des alevitischen Glaubens, Kultur und Philosophie) sowie Betreuung und Erziehung ihrer Mitglieder nach der alevitischen Glaubenslehre.

2) Sie orientiert sich bei der Pflege des Alevitentums am Leitfaden von Hak, Muhammed und Ali. Insbesondere setzt sich die ALEVI für die Anliegen und Bedürfnisse der in Österreich lebenden Aleviten ein.

3) Die ALEVI betätigt sich in der Errichtung von Gebetshäusern, Kulturzentren sowie Bildungs- und Sozialeinrichtungen. Zu diesem Zweck organisiert sie diverse Bildungs- u. Benefizveranstaltungen.

4) Die ALEVI bemüht sich um die Erziehung der alevitischen Jugend im Sinne des Alevitentums und auf der Grundlage demokratischer, säkularer, sozialer und moderner Werte unter Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Jede Art von Diskriminierung und insbesondere Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Fanatismus sowie Fundamentalismus widersprechen der alevitischen Glaubenslehre.

5) Die ALEVI bemüht sich um den Schutz der historischen und kulturellen Identität der Aleviten und um die Unterstützung der alevitischen Geistlichen (Dede, Baba, Ana u.a.) und Volksdichter bzw. -sänger (Aşık, Ozan u.a.).

6) Die ALEVI engagiert sich zur Ausübung, Verbreitung und Erforschung des Alevitentums in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Medien.

7) Die ALEVI richtet Ausschüsse und Gremien zur wissenschaftlichen Erforschung der historischen Entwicklung des Alevitentums ein. Zu diesem Zwecke organisiert sie auch Konferenzen, Symposien, Seminare, Podiumsdiskussionen, Kurse und Pressekonferenzen und betätigt sich in der Herausgabe von Publikationen sowie Errichtung von Bibliotheken.

8) Die ALEVI bietet ihren Mitgliedern Hilfe bei Problemen, die im Zusammenhang mit Seelsorge (z. B. Bestattungen) auftreten.

9) Die ALEVI bietet nach Maßgabe der gesetzlichen Möglichkeiten in österreichischen Institutionen (Krankenhäuser, Gefängnisse u.a.) seelische Betreuung und Begleitung nach den Grundsätzen des Alevitentums an.

10) Die ALEVI erteilt Religionsunterricht nach Maßgabe der gesetzlichen Möglichkeiten in österreichischen Schulen.