Glaubenslehre

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Spricht man über den Islam, so denken viele Menschen grundsätzlich an den orthodoxen Islam (Sunnitentum bzw. Schiitentum) mit den fünf Säulen des Islams. Wie sieht es jedoch mit dem Wissen über das Alevitentum aus?

Alevi bedeutet sinngemäß „die Anhänger Ali´s“. Der Heilige Ali war der Schwiegersohn und Cousin des Propheten Mohammed.

Mit dem Tod des Propheten Muhammed im Jahr 632 (n. Chr.) führten die Streitigkeiten um die rechtmäßige Nachfolge des Propheten (Kalifatsstreit) zur Spaltung des Islam.

Das Alevitentum bildet neben dem Sunnitentum und dem Schiitentum eine eigenständige Glaubensgemeinschaft innerhalb des Islams. AlevitInnen bekennen sich zu Gott, dem Propheten Mohammed und dem Heiligen Ali. Die Glaubenslehre ist geprägt durch ein eigenes Koranverständnis und die besondere Verbundenheit zur Prophetenfamilie, der Ehl-i Beyt.

Die AlevitInnen lehnen die Scharia (Gesetzeskodex im orthodoxen Islam) und die Sunna (Verhaltensformen und -techniken im orthodoxen Islam) ab. Die Verehrung der zwölf Imame – den direkten Nachkommen des Propheten – und die Beachtung ihrer Lehre gehören gleichermaßen zu den Glaubensgrundlagen, wie die Anerkennung aller Menschen als Schöpfung Gottes und Träger des göttlichen Lichtes. Diese Gleichstellung schließt zugleich die Geschlechtergleichberechtigung mit ein.

AlevitInnen beten im Cem-Haus. Das gemeinschaftliche Gebet findet im Gottesdienst, genannt Cem (Ort der Versammlung), statt. Der Gottesdienst wird von einem Pir (geistlicher Wegweiser, Lehrer) geleitet, welcher im Alevitentum ein direkter Nachfahre des Propheten sein muss. Der Geistliche kann einen Gottesdienst nur durch Zustimmung der Gemeinde ausüben. Unter dieser Voraussetzung wird der Geistliche auch von den Gemeindemitgliedern mit Respekt anerkannt. Die Ausübung der Rituale des Gottesdienstes bedürfen Achtung und Liebe und daher ist es für die Gemeindemitglieder von großer Bedeutung, diese auch dementsprechend zu pflegen.

Im Cem wird stets in der jeweiligen Muttersprache gebetet. Während in der Moschee jede Person für sich ihren Gottesdienst verrichtet, beten AlevitInnen im Cem als Einheit, wo jeder als Can (Seele) betrachtet wird und die Rolle als Mann oder Frau drittrangig bleibt. Wichtig ist auch das Einvernehmen der Gemeinschaft in der Cem-Zeremonie, weil nach alevitischem Verständnis im Streitfall sonst kein Cem vollzogen werden kann. Erst eine Wiedergutmachung oder Versöhnung verstrittener Parteien gestatten den Beginn des gemeinsamen Gebetes.

Das Semah (religiöses Gebetsritaul) ist ein wichtiger Bestandteil der Zeremonie und hat einen sehr hohen Stellenwert innerhalb der alevitischen Glaubenslehre. Dabei wird dieses Ritual in Begleitung von Saz (Langhalslaute) und mystischen/religiösen Liedern von Männern und Frauen in Form von kreisförmigen Bewegungen durchgeführt.

Des Weiteren findet das Fasten nicht wie bei den Sunniten im Fastenmonat Ramadan statt, sondern erstreckt sich auf die Dauer von zwölf Tagen (in Anlehnung an die zwölf Imame) im Monat Muharrem, dem ersten Monat nach dem islamischen Kalender.

Während dem 12-tägigem Trauerfasten darf weder Fleisch gegessen werden (aus Respekt vor dem Leben) und kein klares Wasser getrunken werden (weil Imam Hüseyin und seine Gefolgschaft in Kerbela verdursten mussten). Am ersten Tag nach der Fastenzeit wird dann eine Aşure-Suppe (Süßspeise aus 12 Zutaten) gekocht und als Symbol der Dankbarkeit unter Bekannten, Verwandten und Nachbarn verteilt und gemeinsam gegessen.

Das Alevitentum, wie man es heute kennt, wurde durch verschiedene alevitische Mystiker wie Haci Bektas Veli, Yunus Emre etc. vom 13.–16. Jahrhundert stark beeinflusst. Die AlevitInnen bilden nach den SunnitInnen die zweitgrößte islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (etwa 80.000) und in der Türkei (ca. 12 Mio. bis 20 Mio.). Jedoch anders als in Österreich sind der alevitische Islam und die alevitischen Gebetshäuser (Cemevi) in der Türkei bis heute nicht anerkannt.

Der Glaube der AlevitInnen ist stark vom Humanismus und Universalismus geprägt. Im Zentrum ihres Glaubens steht im Zentrum der Mensch als ein eigenverantwortliches Wesen. AlevitInnen ist das Verhältnis zu ihren Mitmenschen besonders wichtig.