ALEVITISCHER RELIGIONSUNTERRICHT IN ÖSTERREICH

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10.1. Vor der staatlichen Anerkennung der ALEVI

Durch das Islamgesetz von 1912 in Österreich ist die Islamische (sunnitische) Glaubensgemeinschaft eine anerkannte Religionsgemeinschaft und besitzt damit die Voraussetzungen, an den öffentlichen Schulen einen islamischen (sunnitischen) Religionsunterricht zu erteilen.

Der Religionsunterricht ist in Österreich an den öffentlichen Schulen ein Pflichtfach. Allerdings besteht für die SchülerInnen die Möglichkeit, sich durch ihre Eltern zu Beginn eines jeden Schuljahres vom Religionsunterricht abzumelden (SchülerInnen über 14 Jahren dürfen diese Abmeldung selbst vornehmen).

In Österreich wird seit dem Schuljahr 1982/83 an den öffentlichen Schulen für muslimische (gemeint sind die sunnitischen) SchülerInnen ein islamischer (sunnitischer) Religionsunterricht angeboten. Im Vergleich zu anderen Religionsgemeinschaften ist die Abmeldungsquote beim islamischen (sunnitischen) Religionsunterricht mit etwa 50% relativ hoch. Viele alevitische und schiitische Eltern melden ihre Kinder vorzeitig ab und für viele sunnitischen Eltern ist der Unterricht entweder zu wenig traditionell oder zu konservativ. Als kontraproduktiv wird außerdem gesehen, dass der Religionsunterricht erst spät am Nachmittag, sozusagen als Randstunde, angeboten wird.[1]

Alevitische SchülerInnen waren bis vor einiger Zeit unter der Glaubensrichtung „Islam“ zusammengefasst und in ihren Zeugnissen stand als Religionsbekenntnis „islamisch“, da es für sie keine andere Auswahlmöglichkeit bestand. Somit galt für Sie ebenfalls die Teilnahmepflicht an dem islamischen (sunnitischen) Religionsunterricht, außer die Eltern hatten es geschafft, ihr Kind (ihre Kinder) fristgerecht abzumelden.

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10.2. Nach der staatlichen Anerkennung der ALEVI

Mit dem Anwerbeabkommen zwischen Österreich und der Türkei von 1964 kamen viele AlevitInnen als ArbeitsmigrantInnen nach Österreich. Nach 50 Jahren Migration wird inzwischen in sieben Bundesländern alevitischer Religionsunterrichts als reguläres Unterrichtsfach an öffentlichen und privaten Schulen erteilt. Die Erteilung des alevitischen Religionsunterrichtes als reguläres Unterrichtsfach an den Schulen in Österreich stellt für die Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (ALEVI) eine historische und gesellschaftspolitische Errungenschaft dar.

AlevitInnen in Österreich haben mit der Einführung des alevitischen Religionsunterrichtes in sieben Bundesländern ein wichtiges gemeinsames Bildungsziel für ihre Kinder an den Schulen erreicht. Eines der Hauptanliegen war die Einrichtung eines alevitischen Religionsunterrichtes an den öffentlichen und privaten Schulen Österreichs. Denn immer mehr Eltern beklagten sich, dass die fehlende religiöse Unterweisung an den Schulen die Kinder „entfremde“. Damit wird die fehlende Unterstützung während ihrer Selbstfindungsphase hingewiesen, in dem sich Kinder und Jugendliche immer mehr von der alevitischen Kultur und dem alevitischen Glauben entfernen würden.

Nach der staatlichen Anerkennung der ALEVI können die alevitische SchülerInnen nun ihr Religionsbekenntnis in „ALEVI“ umändern und der Alevitische Religionsunterricht wurde zudem österreichweit erstmalig an diversen Schulstufen und -typen etabliert.

Die islamische Glaubensgemeinschaften, welche in Österreich staatlich anerkannt sind, verwenden folgende Kurzbezeichnung ihres Glaubens:

Name der Glaubensgemeinschaft Kurz
Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich: ALEVI
Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich: Islam.
Islamische-Schiitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (Staatlich anerkannte Bekenntnisgemeinschaft): schia

Um eine bessere Klarstellung der SchülerInnenzahlen bzw. um eine Aufklärung innerhalb der Islamischen Religionsgemeinschaften ermöglichen zu können, sollte in Zukunft keiner der islamischen Religionsgemeinschaften die Kurzbezeichnung „Islam.“ verwenden.

 

ÖSTERREICH DEUTSCHLAND TÜRKEI
Anzahl der AlevitenInnen Schätzung: ca. 80.000 Schätzung: ca. 800.000 Schätzung: ca. 12 Mio. bis 20 Mio.
Rechtsstatus der Aleviten

Staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft(auf Bundesebene)

in einigen Bundesländern als Religionsgemeinschaft anerkannt Keine staatliche Anerkennung
Alevitischer Religionsunterricht Alevitischer RU wird seit dem SJ2014/2015 in 7 Bundesländern angeboten Alevitischer RU wird bereits
in 8 Bundesländern angeboten
(ab SJ2002/03)

KEIN ALEV. RU bzw. Teilnahmepflicht für Alev. SchülerInnen am sunnitisch geprägten Islamunterricht

Religionsbekenntnis

im Schulzeugnis

ALEVI ALEVI ISLAM
Anzahl der Alevi. SchülerInnen

1300 SchülerInnen
(im Schuljahr 2015/16)

1250 SchülerInnen
(im Schuljahr 2014/15)
kein Alevi. RU angeboten
Anzahl der Schulen

(Alev. RU)

123 Standorten
(im Schuljahr 2015/16)

80 Standorten
(im Schuljahr 2014/15)
kein Alevi. RU angeboten
Anzahl der Lehrkräfte

51 LehrerInnen
(im Schuljahr 2015/16)

32 LehrerInnen
(im Schuljahr 2014/15)
kein Alevi. RU angeboten
Lehrbücher

Lehrwerk für den ARU(seit dem SJ2015/2016)

kein Alevi. RU angeboten
Ausbildung der Lehrkräfte

Zertifikatskurs;
KPH (ab SJ2017/18);
Uni Wien – Alev. Theologiestudium;
(Masterstudium an der Innsbruck/Wien)

Zertifikatskurs;
PH Weingarten;
UNI Hamburg
kein Alevi. RU angeboten
Religiöser Feiertage Alev. Feiertage sind anerkannt Alev. Feiertage sind nur in 2 Bundesländer anerkannt Nicht anerkannt

 

10.3. Ziele des Alevitischen Religionsunterrichts

Die Ziele und Inhalte des alevitischen Religionsunterrichtes wurden im Lehrplan festgelegt. Aufgaben und Ziele des alevitischen Religionsunterrichtes ergeben sich wesentlich aus dem Selbstverständnis der alevitischen Glaubenslehre. Der alevitische Religionsunterricht soll SchülerInnen den Zusammenhang zwischen dem Glauben und dem Leben lehren und als Wegweiser dienen. Der Alevitische Religionsunterricht soll…

  • …die Entwicklung einer alevitischen Identität in einer nicht-alevitischen Umwelt unterstützen.
  • …das Alevitentum in seiner Geschichte und alltäglichen Gegenwart in allen Facetten bewusst machen.
  • …den SchülerInnen Orientierung und Hilfestellungen auf der Suche nach einer eigenen Lebensausrichtung geben
  • …die Sprache der SchülerInnen besonders im Hinblick auf die alevitischen Begriffe und die damit verbundene Metaphorik fördern und ihren Wortschatz erweitern.
  • …SchülerInnen auf der Grundlage alevitischer Quellen motivieren, um eigenverantwortlich leben und handeln zu können.
  • …das Zusammenleben von AlevitInnen und Andersgläubigen fördern und somit Gleichberechtigung, Frieden und gegenseitiger Achtung ermöglichen.

In diesem Sinne soll der Alevitische Religionsunterricht den Kindern die Möglichkeit geben, offen über Probleme und Erfahrungen zu sprechen, um den Zugang zu neuen Einsichten und zu neuen Glaubenserfahrungen zu gewinnen. Mit den Erfahrungen der alevitischen Kinder im Alltag kann und soll der Religionsunterricht zum Wegweiser werden. SchülerInnen sollen die elementaren alevitischen Wertvorstellungen zu eigenen Erfahrungen in ihrer Lebenswirklichkeit und zu den Erfahrungen anderer Menschen in Beziehung setzen können. Sie sollen die alevitischen Glaubensinhalte und Traditionen des Alevitentums als Deutungsangebot für das eigene Selbst nutzen können, um das Leben und Zusammenleben mit anderen Menschen verstehen zu können.

Dazu ist es erforderlich, dass sie in der Lage sind,

  • den alevitischen Weg in Inhalt und Darstellung als Ausdruck gültiger Glaubens- und Lebensform für AlevitInnen wahrzunehmen.
  • ihren Glauben, ihre Tradition und ihre Kultur gegenüber ihren andersgläubigen MitschülerInnen offen zu vertreten und zugleich deren Anderssein zu respektieren und zu versuchen, dieses Anderssein zu akzeptieren.
  • mit Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen qualifiziert ins Gespräch zu kommen.
  • eigene Gefühle und Lebenserfahrungen zur Sprache zu bringen und diese mit denen anderer Menschen zu teilen.
  • alevitische Überlieferungen in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit zu untersuchen und gegebenenfalls sich selbst darin zu finden.
  • Regeln zu erkennen, ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen und gegebenenfalls im Sinne des alevitischen Verständnisses von Einvernehmen (rızalık) zu verändern.
  • Konflikte im Sinne des alevitischen Konzepts von Einvernehmen zu bearbeiten.
  • Fragen nach dem Sinn der Dinge und des Lebens zu stellen und danach, warum viele Menschen unterschiedliche Auffassungen über die Entstehung des Menschen haben.

 

10.4. Inhalte des Alevitischen Religionsunterrichts

Gemäß dem oben angefürhten Lehrplan sollen SchülerInnen im alevitischen Religionsunterricht folgende grundlegende Kenntnisse erwerben:

  • Alevitische Gottesverständnis (Allah, Hak)
  • Alevitische Vorstellung von der Beziehung zwischen Hak-Mohammed-Ali
  • Alevitische Glaubensgrundlagen und alevitische Werte
  • Geschichtliche und geistige Grundlagen des Alevitentums
  • Alevitische Kultur und deren religiöse Einbindung in Riten, insbesondere zu den Gesängen, zum Saz (Saiteninstrument) und zum Semah (Gebetsritual)
  • Grundsätze alevitischer Ethik und Moralvorstellung
  • Religiöse Formen des Alevitentums, insbesondere zum Cem, Semah und zu den Ausdrucksformen des alevitischen Verhaltens
  • Überlieferte Wirkungsgeschichte des Propheten Mohammed, des Heiligen Ali und der Zwölf Imame
  • Bedeutung und Wirkung des Heiligen Hacı Bektaş Veli und der anderen Heiligen (z. B. Die Sieben großen Dichter)
  • die anderen Propheten der großen Religionen
  • Grundlagen und Eigensicht der unterschiedlichen Religionen und Glaubensrichtungen der MitschülerInnen

Die zuletzt genannten zwei Punkte des alevitischen Religionsunterrichtes haben explizit das Ziel, den interreligiösen Dialog in der Schule und im Alltag zu fördern.

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10.5. Praktische Hinweise für den Unterricht

Der alevitische Religionsunterricht setzt konkrete Akzente in den Klassen, die aus der alevitischen Lehre stammen. Hier nun einige Beispiele dazu:

  • Das Einvernehmen (rızalık): Die Klasse fängt die Unterrichtsstunde mit einer Versöhnungsphase unter den Kindern an. Falls Streitigkeiten unter Kindern vorhanden sind, müssen sie ausgesprochen und ausgeräumt werden. Dann fängt die Lehrkraft mit dem eigentlichen Unterrichtsziel an. (Analog zum Cem-Gottesdienst)
  • Die Sitzordnung: Face to face / Gesicht zu Gesicht à Kinder sitzen während dem Unterricht im Sitzkreis (alevitische Sitzordnung). Es gibt für SchülerInnen keine festgelegte Kleiderordnung.
  • Die Musik (Saz): Das Saiteninstrument Saz spielt eine wichtige Rolle im alevitischen Gebet. Daher integriert die Lehrkraft das Instrument Saz und alevitische Gesänge regelmäßig in den Unterricht.

Die Vielfalt bewahren: Die Lehrkraft arbeitet im Unterricht nach dem alevitischen Motto „Ein Ziel – viele Wege“ und lässt zu, dass SchülerInnen unterschiedliche Interpretationen nennen dürfen, um die Meinungs- und Glaubensfreiheit im Unterricht zu demonstrieren. (Kontroversitätsprinzip)

 

10.6. Sprache des alevitischen Religionsunterrichts

Nach dem Grundgesetz ist die Sprache des Religionsunterrichts Deutsch. Jeder Unterricht in der Schule ist zugleich sprachliches Lernen. Das gilt besonders für den alevitischen Religionsunterricht. Hier geht es nicht nur darum, dass es sich bei der SchülerInnenschaft auf absehbare Zeit um Kinder und Jugendliche handelt, die überwiegend aus Familien stammen, die nicht deutschsprachig oder bilingual geprägt sind, sondern auch darum, eine in deutscher Sprache noch nicht allgemein etablierte Fachsprache alltagssprachig verfügbar zu machen. Zum einen müssen die SchülerInnen bislang hauptsächlich in türkischer, persischer und gegebenenfalls kurdischer und arabischer Sprache formulierte Begriffe in deutscher Sprache umformulieren, zum anderen müssen sie als Angehörige der alevitischen Religionsgemeinschaft in der Lage sein, ihre Religion und ihren Glauben im Diskurs mit Andersgläubigen in deutscher Sprache zu vertreten. Aus diesen Gründen ist im alevitischen Religionsunterricht in besonderer Weise auf exakte deutsche Sprachlichkeit zu achten. Die Wörter, Begriffe und Namen in den Themeneinheiten sollen SchülerInnen nachhaltig kennen, sofern die entsprechenden thematischen Aspekte im Unterricht behandelt worden sind. Das heißt, sie sollten nach dem ersten Kennenlernen derselben in der Lage sein, etwas Substanzielles zu ihnen zu sagen und längerfristig sprachlich und sachlich mit ihnen umgehen können.

Es ist selbstverständlich, dass theologische Grundbegriffe wie z. B. Allah, Cem, Semah, Pir oder Dede, in der Ursprungssprache beibehalten werden müssen. AlevitInnen sehen die Notwendigkeit, dass die grundlegenden Texte zum Glauben von den alevitischen Gelehrten in deutscher Sprache kindesgerecht vermittelt werden müssen.

Dies sehen die AlevitInnen auch deshalb als notwendig an, weil die gemeinsame deutsche Sprache Voraussetzung für jeden interreligiösen Dialog in diesem Land ist und nur so gelingen kann.

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10.7. Lehrerausbildung

Bisherige Erfahrungen zeigen, dass der Bedarf für den alevitischen Religionsunterricht aufgrund des Mangels an ausgebildeten LehrerInnen nicht gedeckt werden kann. Für die Erteilung des alevitischen Religionsunterrichtes an weiterbildenden höheren Schulen wird es notwendig sein, alevitische Gymnasiallehrer durch ein angemessenes Studium an einem Lehrstuhl für alevitische Theologie im Fach alevitischer Religionsunterricht auszubilden. Für die Gewährleistung einer adäquaten Ausbildung ist die Schaffung eines ordentlichen Lehrstuhls für die alevitische Theologie eine unumgängliche Voraussetzung.

Bis 2012 hat es weltweit keine einzige universitäre Möglichkeit gegeben, LehrerInnen für den alevitischen Religionsunterricht auszubilden. Zwischen 2012 – 2014 wurde an der Universität Innsbruck, in Zusammenarbeit mit der Universität Wien, das Masterstudium „Islamische Religionspädagogik – alevitische Glaubenslehre“ angeboten. Alevitische StudentInnen haben in diesem Zusammenhang die Möglichkeit gehabt, neben den allgemein Pädagogischen Lehrveranstaltungen, das Zusatzfach Alevitische Religionslehre zu belegen.

Da die primäre Verantwortung bei der Glaubensgemeinschaft liegt, die gewährleisten muss, dass die bestellten Lehrpersonen eine entsprechende Ausbildung haben, wurde zusätzlich in den Bundesländern Wien, Tirol und Vorarlberg ein außerordentlicher Lehrgang, in Zusammenarbeit mit dem ALEVI Schulamt und den Geistlichen der ALEVI, entwickelt und erfolgreich durchgeführt.

Weiters wurde an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule im Rahmen der LehrerInnenausbildung Neu der Schwerpunkt „Alevitischer Religionsunterricht“ für angehende APS-LehrerInnen erarbeitet. Ab dem Wintersemester 2017/2018 werden alevitische ReligionslehrerInnen in einem renommierten und qualitativ hochwertigem Bildungsinstitut ausgebildet werden.

Im Rahmen des neuen Islamgesetzes 2015 wird es ab 2018 für die ALEVI die Möglichkeit geben, einen Lehrstuhl bzw. eine Professur mit einem Alevitischen Professor an der Uni Wien zu besetzen. Dieser wird im Rahmen eines alevitischen Theologiestudiums Geistliche und auch Nicht-Geistliche heranbilden.

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10.8. Zahlen und Daten

Die ALEVI ist für alle Landeschulräte, Bezirksschulräte und für alle öffentlichen und privaten Schulen in Sachen Bildung die rechtliche und einzig legitimierte religiöse Vertretung.

Neben dem römisch-katholischen, evangelischen, orthodoxen, jüdischen, buddhistischen und islamischen (sunnitischen) Religionsunterricht konnte auch nun an den österreichischen Schulen mit der Anerkennung und den kundgemachten Lehrplänen auch der Alevitische Religionsunterricht angeboten werden. Da die Lehrpläne mitten im Schuljahr 2013/2014, am 27. Jänner 2014, bekannt gemacht wurden, beschloss die ALEVI den Unterricht an einzelnen ausgewählten Schulen und Bundesländern als Pilotprojekt zu starten: an jeweils einer Schule in den Bundesländern Tirol, Niederösterreich und Wien wurde der erste Alevitische Religionsunterricht verwirklicht.

Seit dem Schuljahr 2014/15 wird der Alevitische Religionsunterricht in Österreich in sieben Bundesländern angeboten: Vorarlberg, Tirol, Oberösterreich, Niederösterreich, Wien, Steiermark und Burgenland.

Im Schuljahr 2015/2016 gibt es bereits um die 1.300 alevitische SchülerInnen, die in Österreich den Alevitischen Religionsunterricht besuchen und dabei von rund 51 Lehrkräften (Teilzeit angestellt) an ca. 123 Standorten betreut werden. Die ALEVI ist auch für die fachliche Beaufsichtigung (Fachinspektorat) des Alevitischen Religionsunterrichtes verantwortlich, wobei derzeit sieben FachinspektorInnen ehrenamtlich tätig sind.

Die Erstellung der Lehrpläne für die AHS-Oberstufen und den BMS/BHS wurden am 27. April 2015 im Bundesgesetzblatt kundgemacht. Deshalb konnten SchülerInnen in den betreffenden Schulstufen den Alevitischen Religionsunterricht erst ab dem Schuljahr 2015/2016 besuchen.

In der folgenden Tabelle sind die aktuellen Zahlen betreffend den Alevitischen Religionsunterricht für das Schuljahr 2016/2017 aufgelistet:

 

Bundesland

Schüleranzahl
(als ALEVI angemeldet)

Schulstandorte
(ALEVI Unterricht angeboten)

Lehrkräfte
(Teilzeit)

Wien 657 31 11
382 50 12
56 5 3
Burgenland 31 3 1
Tirol 528 33 11
Steiermark 38 1 1
Vorarlberg 336 17 12
Gesamt 2028 140 51

Tabelle: aktuelle Zahlen für das Schuljahr 2016/2017

 

10.9. Erteilung von Religionsunterricht in der Schule oder außerhalb

Der Unterricht findet ausschließlich in der Schule statt. Lediglich das Cem-Gebetshaus dient im Rahmen der Gottesdienste und der Glaubenspraxis als Lernort. Neben den regulären Gottesdiensten bietet das ALEVI Schulamt in der Regel einmal im Schulhalbjahr Kinder- und Jugend-Gottesdienste an (Kinder- und Jugend-Cem).

 

10.10. Organisation der Verwaltung des Religionsunterrichts

Das Schulamt der Alevitischen Glaubensgemeinschaft besteht aus ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche für die Organisation und Verwaltung des Alevitischen Religionsunterrichtes zuständig sind. Neben dem Schulamtsleiter Herrn Dipl.-Päd. Ertürk Maral und der stellvertretenden Schulamtsleiterin, Frau Dipl.-Päd. Dilek Bozkaya, besteht das Team aus zwei Fachinspektorinnen und zwei Fachinspektoren. Das Schulamt selbst ist dem Vorstand und dem Zentralen Geistlichen Rat der Alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (ALEVI) untergeordnet und arbeitet mit diesen Gremien Hand in Hand (Weitere Informationen sind auf der Webseite www.alevi-schulamt.at enthalten).

 

10.11. Religionsbücher

Das Schulbuch für den alevitischen Religionsunterricht in den unterschiedlichen Altersgruppen ist derzeit in Erstellung. Um die Zeit bis zur Erstellung zu überbrücken, entschied sich das Schulamt für eine Zwischenlösung: ein allgemeines Lehrwerk für alle unsere SchülerInnen, in dem die wichtigsten Themen der ersten Jahre sowohl bildlich als auch mit Texten erläutert ist und im Unterricht gemeinsam behandelt werden kann. Dieses wurde mit Hilfe eines ExpertInnen-Teams (bestehend aus Alevitischen Geistlichen und Alevitischen LehrerInnen) erstellt.

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10.12. Wie differenziert sind die Lehrpläne nach Schularten

Die Lehrpläne für den Alevitischen Religionsunterricht bestehen derzeit für folgende Schularten: für den Allgemeinen Pflichtschulbereich, für die Allgemeinen Höheren Schulen sowie für die Berufsbildende Mittlere und Höhere Schulen. Die Lehrpläne wurden von einem ExpertInnen-Team (bestehend aus Alevitischen Geistlichen und Alevitischen LehrerInnen) erstellt.

Abseits der Lehrpläne und der Differenzierung nach Schularten und Klassen muss jedoch bei der Erstellung der Unterrichtsplanung auf eine innere Differenzierung wert gelegt werden, da die Gruppen im Alevitischen Religionsunterricht zum Großteil sehr heterogen sind. Dies wird mit Hilfe von unterschiedlichen Sozialformen und Methoden erreicht. Der Ausbildungsstand der LehrerInnen ist zudem auch sehr unterschiedlich. Deshalb werden diese vom Schulamt intensiv unterstützt und beraten. Das Schulamt-Team erstellt hierzu mit Hilfe der LehrerInnen eine Jahresplanung, welche in ganz Österreich einheitlich umgesetzt wird und somit auch die Inhalte der einzelnen Themen österreichweit einheitlich sind. Letztendlich ist es natürlich die Aufgabe der jeweiligen Lehrperson, die Inhalte und Methoden seiner Klasse anzupassen.

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10.13. Beispiel: Ein Überblick und Resümee zum Schuljahr 2014/2015

Die Lehrpläne sind es auch, die den Inhalt des Unterrichts maßgeblich bestimmen. Sie bilden den Rahmen für die LehrerInnen. Die Lehrpläne sehen einen kompetenzorientierten, handlungsorientierten und ganzheitlichen Alevitischen Religionsunterricht vor, in dessen Mittelpunkt die SchülerInnen, mit ihrer Lebenswelt und ihren religiösen Erfahrungen, stehen. Da alle SchülerInnen – egal welcher Schulstufe – auf dem schulischen Weg noch kein Vorwissen hatten, war es wichtig zuerst einheitliche alevitische Glaubensgrundlagen zu vermitteln.

Es fing an mit „Wer ist die Ehl-i Beyt-Familie und welche Bedeutung hat sie für die AlevitInnen?“. Danach ging es weiter mit den 12 Imamen, damit im Anschluss gleich das Thema Muharrem-Fasten behandelt werden konnte. Um die Kinder auch auf den alevitischen Gottesdienst (Cem) der im Anschluss an die 12-tägige Trauerfastenzeit vorbereiten zu können, wurden in ganz Österreich Kinder-Cems organisiert und abgehalten. Das war eine wunderbare Erfahrung, zu sehen, wie diese kleinen Kinder ihre Gebete gesprochen haben und sich auf diese Erfahrung gefreut haben, einfach unbeschreiblich. Im Alevitischen Religionsunterricht wird versucht, den Kindern beizubringen, was ein Cem ist, warum AlevitInnen den Cem besuchen, wie ein Cem organisiert ist und wie sie sich auf einen Cem vorbereiten müssen. Außerhalb des Alevitischen Religionsunterrichtes wurde auch ein Semah-Kurs angeboten. Das war im Großen und Ganzen das erste Schulhalbjahr.

Jedes Jahr wird unter AlevitInnen die zweite Februarwoche als Hizir-Woche bzw. der Februar als Hizir-Monat praktiziert. Hızır ist der unsterbliche Prophet bzw. ein Heiliger und der Schutzpatron. Er kommt allen in der Not zur Hilfe, die nach ihm rufen: „Eile herbei Hızır!“. Im Februar bzw. im Hizir-Monat wurde gemeinsam mit den Kindern ein „Helfen wie Hizir“ Projekt gestartet. Es war wichtig, das Thema „Helfen“ mit den SchülerInnen durchzunehmen, damit sie im Anschluss auch wissen, warum sie den Hilfesuchenden, insbesondere den Kindern, helfen sollen. Das Ziel des Hizir-Projektes war es, SchülerInnen zu ermöglichen, Spendengeschenke mit einem Brief für Kinder in Syrien verschicken zu können.

Nach dem Hizir-Monat wurde der Geburtstag des Heiligen Ali thematisiert, seine Eigenschaften, seine Rolle und seine Bedeutung in unserem Glauben behandelt.

Kurz vor Hidir-Ellez wurde mit den SchülerInnen in der Schule das Thema „Achte auf deine Umwelt“ durchgenommen und im Rahmen einer Müllsammelaktion den SchülerInnen praktisch nahe gebracht, dass jeder Verantwortung für die Schöpfung Gottes trägt.

Der Muttertag und anschließend der Vatertag nahten und dies war eine perfekte Gelegenheit die Bedeutung und Rolle von Ana Fatma als Mutter, sowie den Propheten Mohammed und den Heiligen Ali als Väter zu behandeln. Im Rahmen kleinerer Bastelarbeiten wurden Geschenke für die eigenen Mütter und Väter erstellt.

Und bald war das Schuljahr auch schon zu Ende: um das Thema Achtung vor der Schöpfung Gottes abzuschließen, wurde der Mensch als Teil der Schöpfung behandelt und dass es wichtig ist, auch auf sich selbst und seine Ernährung zu achten.

Rückblickend kann man durchaus sagen, dass viele wichtige Themen behandelt wurden, aber aus theologischer Sicht, diese nur angestreift wurden, wenn überhaupt. Aber für die ALEVI stand immer die Religiösität der SchülerInnen im Vordergrund und dass sie gerne den Alevitischen Religionsunterricht besuchen möchten.

Wie ersichtlich wird, orientiert sich der Schuljahresplan am alevitischen Kalender. Es ist wichtig, dass gewisse Themen rechtzeitig aufgegriffen werden, um sie in den Alltag integrieren zu können. Und das, was die SchülerInnen in der Schule lernen, nehmen sie mit nach Hause und versuchen mit ihrer Familie und ihren Freunden es umzusetzen. Die Eltern waren sehr positiv überrascht und haben immer wieder berichtet, wie viel die Kinder vom Unterricht mitnehmen konnten und wie selbstsicher sie bei der Umsetzung waren. Insbesondere die Kinder-Cem’s hatten eine sehr breite Wirkung und wurden äußerst positiv angenommen.

 

[1] Der Islam in Österreich, Werner Bauer, ÖGPP, 2016

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