ALEVITISCHER RU IN DER TÜRKEI UND IN DEUTSCHLAND

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8. ALEVITISCHER RELIGIONSUNTERRICHT IN DER TÜRKEI

Die AlevitInnen bilden nach den SunnitInnen die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft in der Türkei und ihre Rechtssituation ist noch immer angespannt. Unabhängig davon, wie hoch der Bevölkerungsanteil der AlevitInnen tatsächlich ist – prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung der Türkei schwankt zwischen 15 % und 25 % (ca. 12 bis 20 Mio.) – ist dieser in jedem Fall so groß, sodass man ihn nicht als unbedeutend behandeln darf. Genau dies ist aber die offizielle Haltung der türkischen Behörden.

Von Seiten des sunnitischen Islams und damit auch von Seiten des sunnitisch geprägten Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten) wurde direkt oder indirekt die Anerkennung der Alevitischen Glaubensrichtung abgelehnt bzw. wurde manchmal sogar in Zweifel gezogen (ob AlevitInnen überhaupt Muslime seien, oder nicht). Alevitische SchülerInnen sehen sich häufig mit verleumderischen Aussagen von LehrerInnen staatlicher Schulen konfrontiert. Dies passiert aber nicht nur im sunnitisch geprägten und verpflichtenden Religionsunterricht.[1]

Was in Österreich möglich gemacht wurde, davon sind die AlevitInnen in der Türkei noch weit entfernt. Im Gegensatz zu christlichen und jüdischen Türken, welche das Recht erhalten haben, dem sunnitisch dominierten und verpflichtendem Religionsunterricht fernzubleiben, müssen AlevitInnen noch immer den Religionsunterricht besuchen.

Somit diskriminiert der sunnitische Islamunterricht in den öffentlichen Schulen religiöse Minderheiten. Alevitische Eltern in der Türkei hatten vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) für das Recht gestritten, ihre Kinder vom sunnitischen Islamunterricht in der Türkei befreien lassen zu können. Der Hauptgrund war zudem auch noch, dass der türkische Staat vehement verweigerte, die alevitische Lehre neben der sunnitischen in den Lehrplan aufzunehmen. Zuletzt, am 24. September 2014 hatte der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) den sunnitisch geprägten Religions- und Ethikunterricht in der Türkei als diskriminierend eingestuft und Möglichkeiten zur Befreiung nicht-sunnitischer SchülerInnen von diesem Schulfach eingefordert. Doch die türkische Regierung in Ankara weist dies zurück und hält dennoch an ihrer üblichen Praxis fest bzw. besteht trotz Urteil auf den verpflichtenden Religionsunterricht.

Seit der Gründung der türkischen Republik wird vielmehr der sunnitische Islam konsequent gefördert und das Alevitentum systematisch bekämpft. Viele AlevitInnen wurden in der Folge assimiliert und dieser Assimilierungsprozess setzt sich bis heute noch fort. Als Unterzeichner der Europäischen Menschenrechtskonvention hat sich die Türkei jedoch verpflichtet, ihren BürgerInnen freie Religionsausübung zu garantieren, keinen religiösen Zwang auf sie auszuüben und sie nicht aus religiösen Motiven zu diskriminieren.

 

 

9. ALEVITISCHER RELIGIONSUNTERRICHT IN DEUTSCHLAND[2]

In Deutschland leben Schätzungen zu Folge rund 800.000 AlevitInnen und die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF) wurde bereits in mehreren Bundesländern als Religionsgemeinschaft, im Sinne des Art.7 Abs.3 Grundgesetz, anerkannt.

Ein erster Schritt um die Einführung eines eigenen bekenntnisorientierten Unterrichtes an öffentlichen Schulen zu ermöglichen, gelang 1998, als alevitische Themen in den „Religionsunterricht für alle“ in Hamburg aufgenommen wurden. In Im Jahre 2002 erhielten Berliner SchülerInnen zum ersten Mal einen eigenen alevitischen Religionsunterricht. In Berlin gilt, anders als in den meisten Bundesländern, die so genannte Bremer Klausel des Grundgesetzes. Diese gestattet den Religionsgemeinschaften, in eigenständiger Verantwortung Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anzubieten. Baden-Württemberg begann bereits 2006 mit einzelnen Schulversuchen.

Seit dem Schuljahr 2008/2009 findet der Alevitische Religionsunterricht in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern statt. In Hessen hat der Unterricht 2009 begonnen. Das Land Niedersachsen hat auf Antrag der AABF beschlossen, ab dem Schuljahr 2010/2011 an drei Standorten den alevitischen Religionsunterricht einzuführen. Mittlerweile werden bereits in 8 Bundesländern der Alevitische Religionsunterricht an den Grundschulen gelehrt.

Dieser Unterricht ist, anders als islamischer Religionsunterricht, nicht als Schulversuch, sondern analog zum christlichen Religionsunterricht gemäß Grundgesetz Art.7 Abs.3 organisiert.

In der Einschätzung aller 8 Bundesländer erfüllt die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) die Voraussetzungen, um als Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes an der Lehrplanerstellung und Auswahl der LehrInnen mitzuwirken. Insgesamt besuchen – laut Ismail Kaplan, dem Bildungsbeauftragten der AABF – im Schuljahr 2014/2015 etwa 1.250 SchülerInnen den Alevitischen Religionsunterricht.

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[1] Missio, Länderberichte Religionsfreiheit: Türkei / Otmar Oehring, 2012

[2] Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF), www.alevi.com

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