Weihnachten – eine Zeit, in der Werte nicht spalten, sondern verbinden.
In den letzten Monaten und Jahren spüren viele von uns in Österreich: Manche Debatten bringen uns nicht näher zusammen, sondern treiben Keile zwischen Menschen, die eigentlich Nachbarinnen, Kolleginnen oder Freund*innen sind. Eine dieser Diskussionen ist das Kreuz in öffentlichen Gebäuden – in Schulen, Kindergärten oder Amtsräumen. Oft wird dabei so gesprochen, als ginge es nur um „Religion gegen Religion“ oder „Glauben gegen Nicht-Glauben“. Doch genau diese Art von Streit macht etwas kaputt, das unser Land über lange Zeit stark gemacht hat: das Miteinander.
Für viele steht das Kreuz nicht nur für eine Konfession. Es steht auch für Werte, die Österreich geprägt haben und die allen Menschen, die hier leben, zugutekommen sollen: Respekt, Nächstenliebe, Verantwortung füreinander, Barmherzigkeit und Friedenswille. Werte, die nicht spalten, sondern verbinden – unabhängig davon, ob jemand christlich, alevitisch, sunnitisch, jüdisch, buddhistisch, konfessionsfrei oder anders glaubt. Österreich mag flächenmäßig klein sein, aber geschichtlich und kulturell ist es ein großes Land. Ein Land, in dem viele Religionen und Kulturen in Frieden leben können – wenn wir den gemeinsamen Boden pflegen, statt ihn ständig aufzureißen.
Gerade deshalb sollten wir uns daran erinnern: Werte, die uns zusammenbringen, sollten nicht zum Gegenstand ständiger Zerreißproben werden. Sie sind nichts, worüber man im Eifer des Tages politisch punktet – sie sind etwas, das man schützt. Denn wenn wir nur noch darüber diskutieren, was uns trennt, verlieren wir aus dem Blick, was uns trägt.
Und genau hier bekommen Feiertage eine besondere Bedeutung. Sie sind – wie es im folgenden Gedanken anklingt – Anlässe zur Freude und zum Teilen: von Glück, von Nähe, von materiellem und immateriellem Segen. Feiertage, Feierlichkeiten und Feste gehören zu den schönsten Zeiten des Jahres, weil wir zusammenkommen können: mit Familie, Glaubensgeschwistern, Nachbarinnen und Nachbarn, mit Mitmenschen, Bekannten und Freund*innen. Wir teilen Wärme, besuchen einander, hören zu und sind füreinander da.
Weihnachten ist für Menschen christlichen Glaubens eine Zeit freudiger Erwartung, eine besonders besinnliche und spirituelle Festzeit. Mögen die Gebete, die Begegnungen und das gemeinsame Feiern dazu beitragen, unsere Gemeinsamkeiten wertzuschätzen, gemeinsame Überzeugungen zu erkennen und das friedliche Zusammenleben in Österreich und weltweit zu stärken.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und ein gesegnetes, friedliches neues Jahr – mit mehr Verständnis, mehr Zusammenhalt und dem Mut, das Verbindende zu schützen.
YÜKSEL BİLGİN
Präsident der Alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich
